14

 

»Sie kommen mit Gold, Sie gehen mit Geld« lag nur zehn Minuten mit dem Auto vom Haven entfernt und hatte geschlossen. Das war allerdings nicht weiter überraschend, denn schließlich war es bereits nach Mitternacht.

George schien die Aussicht auf einen nächtlichen Einbruch zu gefallen, und ich wusste nicht so genau, wie ich das finden sollte.

»Ich bin ziemlich aufgeregt«, verkündete er, als er ein Etui aus seinem Herren-Handgelenktäschchen zog, das wie ein Maniküre-Set aussah. Er öffnete den Reißverschluss, klappte das Etui auf und enthüllte mehrere längliche Metallstiele unterschiedlicher Länge und Breite.

»Was ist das denn?«, fragte ich. »Ich hatte keine Ahnung, dass du so etwas kannst.«

»Darüber spricht man ja auch nicht gleich mit jedem. Da ich dich aber nun kenne, darf ich dir wohl die Wahrheit verraten. Ich war in den fünfziger Jahren ein weltberühmter Einbrecher. Ein Fassadenkletterer.«

Ich war schockiert. »Tatsächlich?«

»Also gut, eigentlich war ich nur der Assistent eines weltberühmten Fassadenkletterers. Mist, ich kann einfach nicht gut lügen. Ich habe das Telefon bedient und, wenn es nötig war, eine Kaution besorgt, um ihn aus dem Gefängnis zu holen. Aber er hat mir eine Menge beigebracht.« Er zwinkerte. »Pierre lebt jetzt auf Tahiti und sammelt vor allem hübsche Jungs. Aber das spielt keine Rolle mehr. Er gehört zu meiner Vergangenheit, und ich bin darüber weg.«

Ich hätte ihn gern getröstet, aber ich war momentan zu gestresst. Ich wollte nur diese Kette haben und dann so schnell wie möglich hier verschwinden. »Fangen wir an.«

»Dein Einsatz wird nicht nötig sein, George«, meinte Thierry, beugte sich an mir vorbei und drückte einen Summer neben der Tür.

»Was machst du da?«, fragte ich.

»Ich habe den Eigentümer des Pfandhauses angerufen. Er hat sich bereit erklärt, sein Geschäft für uns zu öffnen.«

Nach einer Minute flammten die Lichter im Geschäft auf, und jemand kam an die Tür.

George schmollte. »Wieso bin ich dann überhaupt hier?«

»Tut mir leid, George. Vielleicht klappt es ja ein anderes Mal«, tröstete Thierry ihn.

George schob das Dietrichset zurück in die Handtasche. »Das enttäuscht mich jetzt aber wirklich unendlich. Übrigens ein Gefühl, das ich in letzter Zeit häufiger empfinde.«

Der Mann in dem Laden trug einen bunt gemusterten Bademantel und sah ziemlich verschlafen aus. Sein Gesicht war aufgequollen, und er rieb sich die kleinen Augen in dem grellen Licht der Neonlampen. Sein Haaransatz war so weit zurückgewichen, dass man Angst haben musste, er würde ihm in den Nacken rutschen. Er blinzelte, als er uns vor dem Eingang stehen sah, öffnete etliche Schlösser und zog die Tür auf.

Jetzt erkannte ich den Mann auch. Ich hatte ihn in einer Werbesendung gesehen. Sein Name war Hans Christie, und er hatte im Fernsehen eine derart beeindruckende Ausstrahlung, dass ich am liebsten auf der Stelle all meinen Schmuck zusammengesucht und zu ihm gebracht hätte.

Im Moment wirkte er allerdings alles andere als freundlich. »Kommt rein«, knurrte er mit einem unverkennbaren New Yorker Akzent. »Machen wir es kurz. Sie haben mich aus einem sehr schönen Traum geholt. Das wird meine Frau mir büßen.«

»Ihre Frau ist eine sehr gute Kundin in meinem Club«, erklärte Thierry. »Hätte sie Sie gezeugt, würde ich Sie ebenfalls mit Freuden jederzeit in meinem Club willkommen heißen. Bedauerlicherweise sind Nicht-Vampire im Haven nicht zugelassen. Ich bin sicher, Sie haben allein schon wegen des Sicherheitsrisikos dafür Verständnis.«

Der Mann knurrte. »Ein Blutsauger ist wirklich das Letzte, was ich sein möchte. Die nächtlichen Ausflüge meiner Frau sind allein ihre Sache.«

»Sie sind ein Mensch, und Ihre Frau ist ein Vampir?«, fragte Amy verblüfft.

»Stimmt genau.« Der Mann sah sie an. »Wir sind seit vierzig Jahren verheiratet.«

Ich dachte an meine Cousine Missy und ihren Mann. »Ich habe mich immer gefragt, wie das wohl geht, wenn der eine nicht verwandelt werden will«, warf ich ein. »Das muss doch schwierig sein. Haben Sie nie daran gedacht, auch unsterblich zu werden?«

Hans schnaubte verächtlich. »Unsterblich? Das Leben ist schon schwer genug, wenn man weiß, dass man es siebzig oder achtzig Jahre aushalten muss, ganz zu schweigen von hundert. Nein, ich wollte nie ewig leben.«

»Aber Ihre Beziehung ist solide?«

»Wie man’s nimmt. Wir lassen uns gerade scheiden.«

Ich hob die Brauen. »Das tut mir leid.«

»Muss es nicht. Diese Ehe war ein Fehler. Menschen und Vampire sollten sich nicht aufeinander einlassen. Außerdem wird heutzutage sowieso eine von zwei Ehen geschieden. Wissen Sie, wie viele Ehen zwischen Menschen und Vampiren mit einer Scheidung enden?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Erheblich mehr!«, stieß er hervor und räusperte sich. »Entschuldigen Sie. Ich wollte mich nicht aufregen, aber diese Scheidungsgeschichte raubt mir den letzten Nerv.«

»Wir sind Ihnen jedenfalls sehr dankbar, dass Sie Ihren Laden um diese Nachtzeit für uns öffnen«, erwiderte Thierry. »Ganz besonders in Anbetracht der Schwierigkeiten mit Ihrer Frau.«

Ich hatte nur einen Wunsch, nämlich an die Goldkette zu kommen und dann wieder zu verschwinden. Also versuchte ich, an dem Mann vorbei einen Blick in das Geschäft zu erhaschen, doch Hans war ziemlich breit gebaut und blockierte den Eingang.

»Wo wir gerade von Frauen sprechen«, meinte er. »Wie geht es eigentlich Veronique? Ich habe sie zwar nur einmal kurz getroffen, aber ich habe sie als eine der schönsten Frauen in Erinnerung, die ich jemals gesehen habe.«

»Veronique geht es gut«, antwortete Thierry.

Hans schüttelte den Kopf. »Wenn ich mit einer so erstaunlichen Frau verheiratet wäre, würde ich mir womöglich auch überlegen, mich zum Vampir machen zu lassen. Meine Frau mag aussehen wie dreißig, aber das macht sie nicht unbedingt hübscher.«

»Ich richte Veronique das Kompliment gerne aus«, erwiderte Thierry.

Hans blickte mich an. »Sie sind also das Problem, hab ich recht?«

»Wie bitte?«

»Der Grund, warum ich um diese Zeit mein Geschäft öffnen musste. Sie sind das Problem.«

Irgendwie klang das sehr passend. Veronique war eine überwältigende Schönheit, und ich war ein Problem. Eigentlich jedoch war das nichts Neues, und vor allem war es derzeit meine geringste Sorge.

Thierry berührte meinen Arm. »Sarah sucht eine Goldkette, die aus Versehen an Sie verkauft worden ist. Wir möchten sie wiederhaben.«

»Ich war das«, gestand Amy. »Ich war vorgestern damit hier.« Sie zog den Kopf ein. »Ich schäme mich ja so.«

Hans musterte sie. »Ich erinnere mich an Sie. Wie könnte ich diese Haarfarbe auch vergessen? Sie sagten, Sie wollten diese hässliche Kette um jeden Preis loswerden.«

Amy warf mir einen zerknirschten Blick zu und zuckte mit den Schultern. »Stimmt. Es tut mir echt leid.«

»Ich werde sie bezahlen«, erklärte ich Hans. »Könnten Sie sie mir jetzt bitte geben?«

Er zog eine runde Brille aus der Bademanteltasche und setzte sie umständlich auf die Nase. Als er mich ansah, hatte ich das Gefühl, als würde er mich durch ein Mikroskop betrachten. »Ich sehe mal nach.«

Ich wartete, nervös und ungeduldig, während er zu dem Tresen ging, der aus einer Glasvitrine bestand, in der alle möglichen Schmuckstücke ausgelegt waren. Im Rest des Ladenraums stapelten sich andere Gegenstände. Ich erwartete, dass er die Vitrine öffnen würde, stattdessen sah er auf einer Liste an einem Klemmbrett nach.

Dann hob er den Blick und musterte Amy. »Vorgestern, sagten Sie?«

»Ja.«

Er fuhr mit dem Finger die Seite hinunter. »Ja, da haben wir sie.« Er blätterte ein paar Seiten weiter vor und legte dann den Kopf schief. »Hmm.«

Ich schielte kurz zu Thierry und versuchte, mir meine Unruhe nicht anmerken zu lassen.

»Was meinen Sie mit hmm?«, fragte ich. Hatte er die Kette nun gefunden oder nicht?

»Eine Sekunde bitte.« Er nahm einen Schlüssel, öffnete die Vitrine und zog ein paar Ketten hervor. »Kommen Sie her, meine Dame.«

Ich tat, worum er mich gebeten hatte, und blickte auf die Ketten, die auf einem Stück schwarzen Samtes auf dem Tresen lagen.

Ich runzelte die Stirn. »Was ist damit?«

»Tut es eine von denen auch?«, fragte er.

»Ob es eine von denen tut?«, wiederholte ich etwas lauter, als nötig war. »Nein, das tun sie nicht. Ich brauche die, die Amy hierhergebracht hat.«

»Laut meinen Aufzeichnungen war das eine einfache Goldkette, so wie diese hier. Jede dieser Ketten wäre ein ausgezeichneter Ersatz...«

»Wir wollen keinen Ersatz«, unterbrach Thierry ihn. Ich spürte, wie er mir beruhigend die Hand auf den Rücken legte. »Wir brauchen das Original.«

»Tut mir leid, aber das ist leider nicht möglich.«

»Wenn es ums Geld geht, wir sind bereit, jeden Preis zu zahlen, den Sie verlangen«, fuhr Thierry fort.

Hans schüttelte den Kopf. »Ein großzügiges Angebot, doch ich fürchte, das ist nicht der Punkt. Die Kette, nach der Sie suchen, habe ich heute verkauft. Ich hatte es ganz vergessen, bis ich ins Kassenbuch gesehen habe.«

»Verkauft?« Ich quiekte fast vor Aufregung. »Machen Sie Witze?«

»Nein, leider nicht.«

Ich spürte, wie sich meine Brust langsam zusammenzog. Ich hielt es für Panik. Vielleicht war es auch eine heftige Herzattacke. »Aber ... sie war doch hässlich. Wer sollte sie denn gewollt haben?«

»Ja, dasselbe könnte man wohl auch über meine Frau sagen, und dennoch hat sie jemand gewollt.« Hans nahm die Ketten, legte sie zurück in die Vitrine und verschloss sie wieder. »Das war eine verrückte Situation. Einen Augenblick war ich mir ganz sicher, dass ich ausgeraubt werde. Ein Mann kam in den Laden und hat sich umgesehen. Dann ist er an den Tresen getreten und hat auf die Kette gezeigt. Ich wollte schon den Alarmknopf drücken, als er tausend Dollar auf den Tisch gelegt hat, mich bat, ihm die Kette auszuhändigen und ohne Quittung oder eine Verpackung dafür wieder verschwunden ist.«

Mir wurde fast schlecht. Nein! Sie konnte doch nicht verkauft worden sein. Wer würde so ein hässliches Ding kaufen, wenn ein Dutzend anderer, viel hübscherer Ketten im Angebot war?

»Ich verstehe das nicht!«, stieß ich schließlich hervor. »Wieso dachten Sie, Sie würden ausgeraubt?«

»Der Mann trug einen schwarzen Schal über dem Gesicht, und er nahm ihn nicht ab, als er in das Geschäft kam. Ich dachte, es wäre ein Krimineller, und war sehr erleichtert, als er es nicht war.«

Einen Schal über dem Gesicht? Mir rutschte das Herz fast in die Hose.

Der Rote Teufel. Er hatte mir von der Kette erzählt, jedenfalls indirekt. Aber er hatte sie vorher gekauft und so verhindert, dass ich sie wiederbekommen konnte.

»Vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben«, sagte Thierry und führte mich am Arm hinaus aus dem Geschäft und in die kalte Nachtluft.

»Tausend Dollar?«, fragte Amy. »Sie war einen Riesen wert? Und ich habe sie für fünfzig Kröten verkauft. Da hätte ich mir ja echte Diamantohrringe statt dieser Imitate leisten können.« Sie hüstelte. »Nicht dass das im Moment das Problem wäre.«

»Vielleicht ist sie gar nicht der Gegenstand, nach dem du suchst«, erklärte Thierry, als er mein fassungsloses Gesicht sah.

»Doch, das ist sie.« Meine Stimme klang ausdruckslos. »Ich weiß, dass sie es ist. Und jetzt hat sie der Rote Teufel.«

»Dann wird alles gut«, erklärte George mit einem breiten Grinsen. »Der Rote Teufel hilft anderen Vampiren. Er hat offenbar vor, dir die Kette zu geben. Was für ein toller Typ!«

Vielleicht. Ich runzelte die Stirn. Vielleicht war das die Erklärung. Er wollte mir die Kette geben, weil er so ein toller Typ war. Aber wenn das stimmte, wieso hatte ich dann so ein ungutes Gefühl, weil er mir zuvorgekommen war? Und wieso hatte er mir vorhin im Park nicht gesagt, dass er sie besaß?

Und vor allem: Wieso gab er vor, der Rote Teufel zu sein, wenn er in Wirklichkeit ein Mensch und kein Vampir war?

Das alles stank förmlich zum Himmel, und zwar nicht nur weil wir uns gerade in der Nähe des Fischmarkts befanden.

 

In dieser Nacht schlief ich auf dem Ledersofa in Thierrys Büro. Erst als wir zurück waren, merkte ich, wie erschöpft ich war. Ich kippte noch ein paar Gläser B-Positiv herunter, dann hatte ich das Bedürfnis, allein zu sein. Thierry versprach, in der Nähe zu bleiben, aber mir nicht zu nahe zu kommen.

Ich legte mich hin, meine Gedanken galoppierten durch meinen Kopf wie ein Rennpferd auf Amphetamin. Aber in dem Moment, in dem ich die Augen schloss, gingen mir sprichwörtlich die Lichter aus.

Ich träumte. Ob es nun prophetische Träume waren oder nicht, stand auf einem anderen Blatt. Jedenfalls erhielt ich einen Preis, und zwar keinen geringeren als den Oscar als beste Schauspielerin, und dankte in meiner Rede all den netten Vampiren, die mir geholfen hatten, dorthin zu kommen, wo ich war. Man feierte mich mit stehenden Ovationen. Es regnete Rosen auf die Bühne, ich fühlte mich fantastisch, von allen bewundert und so was. Im nächsten Moment jedoch verwandelten sich die Rosen in spitze Holzpflöcke, die auf mich zusausten. Es waren ziemlich viele, und ich konnte ihnen nicht entkommen. Plötzlich war Thierry bei mir auf der Bühne und schützte mich mit seinem Körper. Was bedeutete, dass er an meiner Stelle von den Pflöcken durchlöchert wurde.

Schon wieder endete ein Traum damit, dass Thierry grausam starb.

Und schon wieder ein Traum, der dazu führte, dass ich aufwachte, weil ich stocksteif auf dem Sofa saß und mir die Lunge aus dem Hals schrie. Dann spürte ich, wie jemand meine Arme fasste, mich zurück auf das Sofa drückte und mir mit einer kühlen Hand die Haare aus der Stirn strich.

»Es ist alles gut, Sarah«, beruhigte mich Thierry mit seiner tiefen Stimme. »Du bist in Sicherheit.«

Ich blinzelte und kam allmählich wieder zu mir. »Entschuldige.«

Thierry kniete neben dem Sofa. »Du musst dich nicht entschuldigen. Du hast schlecht geträumt.«

Ich stieß langsam die Luft aus. »Wirklich? Es war nur ein schlechter Traum? Gott sei Dank. Ich habe doch ernsthaft befürchtet, ich wäre dazu verdammt, auf ewig ein Nachtwandler zu sein.«

Er zog die dunklen Brauen zusammen. »Das ist bedauerlicherweise kein Traum.«

»Weiß ich. Ich mache nur Spaß.«

»Wie schön, dass du trotz dieser Situation deinen Humor nicht verlierst.«

»Wer hat was von Humor gesagt?« Ich betrachtete ihn. Sein schwarzes Hemd war oben aufgeknöpft, und sein Jackett stand offen. »Warst du die ganze Zeit hier, während ich geschlafen habe?«

»Ich hielt es für besser. Ich wollte nicht das Risiko eingehen, dass du dich erneut allein auf die Suche nach deinem Roten Teufel machst.«

»Das habe ich nicht vor.« Ich seufzte und schaute in seine Silberaugen. »Himmel, Thierry, wie hältst du es nur mit mir aus? Ich bin doch so eine Nervensäge.«

Er runzelte die Stirn. »Ich glaube, da hast du recht. Ich sollte dich verlassen, damit du dann, wenn du am meisten Hilfe brauchst, allein zurechtkommen musst.«

»Versuchst du vielleicht gerade, wieder lustig zu sein?«

»Vielleicht.«

»Das solltest du wirklich Leuten überlassen, die was davon verstehen.« Ich rang mir ein Lächeln ab. »Ich weiß, ich kann eine Nervensäge sein. Ich weiß, dass ich mindestens fünfzig Mal am Tag dämliche Fehler mache. Ich weiß, dass ich wie kein anderer aus der Haut fahre und in Schwierigkeiten gerate. Aber ich will, dass du weißt, wie dankbar ich dir bin, weil du zu mir hältst.«

»Ich bin dir genauso dankbar, dass du bereit bist, dich an meine ... Schwierigkeiten zu gewöhnen.«

Ich sah ihm in die Augen. »Schwierigkeiten? Nennt man das jetzt so?«

»Wie würdest du es denn nennen?«

Ich berührte sein Gesicht. »Ich liebe dich, Thierry. Ich wünschte nur, ich würde aufhören zu träumen, dass du ...« Ich hörte auf zu sprechen.

»Dass ich was?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nichts. Es sind nur alberne Träume.«

»Du träumst von mir?«

»Ständig.«

»Das freut mich.« Er strich meine Haare zurück und schob sie mir hinter das Ohr.

Ich runzelte die Stirn. »Es sind nicht immer gute Träume.«

»Träumst du von meinem Tod?«

Mein Blick zuckte zu ihm zurück. »Ja. Manchmal.«

»Du hast mich schließlich getroffen, als ich mir gerade das Leben nehmen wollte. Von daher ist das kein so ungewöhnlicher Traum. Also mach dir keine Sorgen.«

Ich blinzelte und merkte, wie mir die Tränen kamen. »Du denkst doch nicht mehr daran, oder? Du hast doch nicht etwa irgendwelche neuen Brücken ausfindig gemacht, von denen du dich stürzen könntest? Ich weiß nämlich wirklich nicht, was ich ohne dich machen würde.«

Er schüttelte den Kopf und wischte mir sanft ein paar Tränen weg. »Ich habe in letzter Zeit überhaupt nicht mehr daran gedacht, mir das Leben zu nehmen. Neuerdings freue ich mich wieder, jeden Morgen aufzuwachen. Du hast nichts zu befürchten.«

»Man hat nichts zu fürchten außer der Angst selbst.«

Er legte den Kopf auf die Seite und lächelte. »Ach, es gibt so vieles, vor dem man sich fürchten muss, Sarah. Ich glaube nicht, dass du mich auffordern solltest, eine Liste anzufertigen. Wenigstens mein Selbstmord steht nicht mehr länger auf dieser Liste.«

»Das freut mich.« Ich blinzelte und legte meine Hand auf seine Wange. »Ich würde dich jetzt so gern küssen.«

»Das wäre ein Fehler.« Er rührte sich nicht von der Stelle.

»Ich weiß. Aber ich will es trotzdem.«

Er fuhr mit den Fingern über meine Lippen und nahm meine Hand in seine. Er führte sie an seinen Mund und küsste sie.

»Das ist ein netter Anfang«, flüsterte ich.

»Okay, Schluss!«, tönte George hinter Thierry. Er klatschte in die Hände. »Setz dich in Bewegung, Sarah. Hopp, hopp.«

Thierry sah mich weiterhin an. »Ich habe George gebeten, auf dich aufzupassen. Für genau diesen Notfall.«

»Ihr zwei seid zu nah beieinander, das ist nicht gut!«, fuhr George fort. »Ich möchte etwas Abstand sehen. Rückzug, Chef. Gib unserem kleinen Nachtwandler ein bisschen Raum!«

»Es ist okay, George. Wirklich. Ich fühle mich...« Ich blinzelte. Wie fühlte ich mich eigentlich?

Ein bisschen kalt und feucht.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Thierry.

Ich legte die Hände auf mein Gesicht. Es fühlte sich fast ganz normal an. Aber irgendetwas war merkwürdig, nur konnte ich es nicht genau bestimmen.

Ich holte Luft. Das fühlte sich auch normal an.

Dann schnappte ich nach Luft. »Mein Herz.«

»Was ist damit?«

Ich fasste seine Hand und drückte sie an meine Brust.

»He, was habe ich gesagt? Nicht so nah zusammen«, protestierte George. »Muss ich euch zwei kleine freche Äffchen etwa handgreiflich auseinanderbringen?«

Thierry runzelte heftig die Stirn und sah mir in die Augen, sagte jedoch nichts.

»Ich habe keinen Herzschlag«, sagte ich. »Was zum Teufel geht hier vor?«

Thierry nickte nachdenklich. »Der fehlende Puls ist eine weitere Eigenschaft der Nachtwandler.«

»Ein fehlender Puls? Aber das heißt ja, dass ... dass die Nachtwandler...«

»Untote sind.«

»Und normale Vampire sind das Gegenteil.«

»Ja.«

Ich sprang auf, drängte mich an George vorbei, der mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrte, und lief aus dem Büro. Verdammt.

Als ich spürte, wie mein Herz wieder zu schlagen begann, blieb ich wie angewurzelt stehen.

Einmal.

Dann wieder nichts.

»O mein Gott«, sagte ich laut und wurde erneut von Panik ergriffen.

Außer uns dreien war momentan niemand im Haven. Die Stühle standen auf den Tischen, die Lampen waren ausgeschaltet. Ich stand in der Mitte auf dem gefliesten Boden, der an einen Whirlpool in Blau und Lila erinnerte, und hatte das Gefühl, in einem Strudel der Verzweiflung zu versinken, ohne Übertreibung. Es war schlimm. Sehr schlimm. Ich hatte keinen Herzschlag. Mein Herz schlug nicht mehr. Das war einfach nicht gut, daran änderte auch mein sprichwörtlicher Optimismus nichts. Das halbleere Glas war nicht halb voll, es war staubtrocken!

»Okay«, sagte ich und bemerkte, dass George und Thierry mir in den Club gefolgt waren. »Okay. Ich werde nicht ausflippen. Uns bleibt immer noch genug Zeit, das alles wieder in Ordnung zu bringen.«

»Wieso sagst du das, uns bleibt genug Zeit?«, wollte Thierry wissen. »Natürlich ist noch Zeit.«

Ich schüttelte den Kopf. »Stacy hat gesagt, wenn der Fluch nicht, drei Tage nachdem er ausgesprochen wurde, aufgehoben wird, bleibt er für immer an mir haften. Aber es ist jetzt erst früh am Morgen. Wir haben noch fast zwei Tage, um die Sache in den Griff zu bekommen. Ich muss nur überlegen, was als Nächstes zu tun ist, insbesondere weil ich nicht nach draußen gehen kann. Es ist nicht zufällig bewölkt, oder? Natürlich nicht. Bei meinem Glück haben wir wahrscheinlich den sonnigsten Tag des Jahres.«

George und Thierry wechselten einen bestürzten Blick.

»Ich wünschte, du hättest mir gestern Abend von dieser Frist erzählt«, sagte Thierry ruhig.

»Warum?« Ich blickte auf die Uhr über der Bar. »Es ist sieben Uhr morgens. Wir haben noch den ganzen Tag, um herauszufinden, wo sich diese Schlampe versteckt hält.«

Er schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, Sarah, aber es ist nicht Morgen. Du hast die ganze Nacht und den ganzen Tag durchgeschlafen. Nachtwandler schlafen häufig am Tag. Sie leben erst in der Dunkelheit auf«, erklärte er vorsichtig.

Ich schluckte heftig. »Du machst Witze.«

»Ich wünschte, das wäre so.« Er wirkte angespannt. »Aber trotzdem bleibt uns noch genügend Zeit.«

»Wieso hast du mich nicht geweckt?«

»Ich wollte dich nicht stören. Ich wusste ja nicht, dass wir ein Zeitproblem haben.«

Ich stand wie unter Schock. Dass mein Herz jede zweite Minute aussetzte, war ein bisschen - sehr - irritierend, um es gelinde auszudrücken. Es wirkte wie ein Gong, der mir anzeigte, dass mein Leben gerade auf dem Weg war, über eine verdammt kurze Brücke in einem Meer voller Mist zu verschwinden.

Ich schniefte und putzte mir mit dem Handrücken die Nase. »Ich glaube, ich bin jetzt allmählich wieder auf Raumtemperatur.« Ich blinzelte ein paar Mal und sah Thierry an. »Glaubst du wirklich, dass alles wieder gut wird?«

Er nickte. »Ich habe keinen Zweifel daran.«

»Du hast immer noch nicht herausgefunden, wo Stacy sich versteckt, oder?«

»Nein. Meine Informanten sind überall in Sackgassen geraten, wo immer sie es auch versucht haben. Vermutlich setzt sie irgendwie ihre Zauberkräfte ein, um ihren Aufenthaltsort zu verbergen. Offenbar zieht sie es vor, die Zügel in der Hand zu behalten.«

»Hat sie angerufen?«, fragte ich hoffnungsvoll.

»Noch nicht.«

Ich lief zur Bar und wieder zurück. »Weißt du, dass sie eine Mörderin ist? Das hat sie mir erzählt. Sie hat die Leute nicht eigenhändig umgebracht, aber sie hat sie mit Flüchen belegt, die zu ihrem Tod geführt haben. Ich denke, das hat sie auch mit mir vor.« Ich fröstelte und atmete langsam aus. Komisch, dass ich immer noch atmen musste, obwohl mein Herz nicht mehr schlug. Hing das nicht alles miteinander zusammen? Ich war zwar nur mittelmäßig in Biologie gewesen, aber manche Dinge sind ganz offensichtlich nicht natürlich.

»Das werde ich nicht zulassen.« Thierrys Stimme klang merkwürdig angespannt. Er holte tief Luft. »Ich hätte da einen Vorschlag.«

»Welchen?«

»Wir müssen deine Freundin, die andere Hexe von dem Schultreffen, anrufen und sie herholen. Vielleicht kann sie uns helfen, Stacy zu suchen. Wenn wir sie dann gefunden haben, statten wir ihr persönlich einen Besuch ab.«

Natürlich! Ich nickte, holte rasch meine Tasche, die sich derzeit hinter der Bar niedergelassen hatte, und fand glücklicherweise die Nummer, die Claire mir gegeben hatte. Ohne ein weiteres Wort lief ich zum Telefon und wählte.

Nach dem sechsten Klingeln hob Claire ab. Mein Herz pochte vor lauter Freude. Ein Mal.

Ich erklärte ihr schnell die Situation und beschrieb ihr, wie sie zum Haven kam.

»Natürlich komme ich, Sarah«, erwiderte Claire. »Wie aufregend! Ich werde einen Suchspruch benutzen. Wir finden sie. Ich bin in ungefähr zwei Stunden bei euch, okay?«

Wenn ich auch ihre Einschätzung nicht teilte, dass diese Situation »aufregend« war, war ich doch dankbar für ihre Bereitschaft, herzukommen und mir bei meinem »aufregenden« Problem zu helfen.

Ich legte den Hörer auf die Gabel und fühlte mich zu neunzig Prozent hoffnungslos und zu zehn Prozent hoffnungsvoll, aber dieser Teil gewann alles in allem wieder an Stärke. Die Hoffnung war ein erstaunlich widerstandsfähiges Gefühl.

George kam zu mir und tätschelte mir den Rücken. »Ich habe heute dein Horoskop gelesen. Wusstest du, dass Skorpione zu einem aufregenden Leben voller Dramatik neigen? Offensichtlich ist das alles ziemlich normal. Ich glaube, Merkur ist auch gerade retrograd oder so etwas Ähnliches. Ich weiß allerdings nicht so genau, was das bedeutet.«

Ich seufzte. »Ich glaube, mein Merkur ist schon so lange retrograd, dass er noch Schlaghosen trägt.«

Er breitete die Arme aus. »Möchte da vielleicht jemand in den Arm genommen werden?«

Ich musterte ihn vorsichtig. »Seit wann neigst du plötzlich zu Gefühlsduseleien?«

»Seit meine letzte Beziehung in die Binsen gegangen ist. Ich bin neuerdings total bedürftig. Tu mir den Gefallen.«

Ich blickte zu Thierry, schüttelte den Kopf und umarmte George.

»Ich habe dir etwas Frisches zum Anziehen mitgebracht«, erklärte er. »Ich dachte, die neue schwarze Jeans und das Trägerhemd mit dem Smiley würden gut aussehen. Gibt der ganzen Situation einen positiven Modekick.«

Ich klammerte mich an ihn. »Danke.«

George klopfte mir auf den Rücken. »Siehst du. Fühlst du dich jetzt besser?«

»Kann ich nicht behaupten.«

»Warum nicht?«

Ich schluckte heftig und vergrub meine Finger in seinen Schulterblättern. »Weil ich dich in etwa fünf Sekunden beißen werde und mich nicht beherrschen kann. Ich schlage vor, du suchst schleunigst das Weite.«

Er ließ mich los, als hätte mein Deo versagt.

Ich keuchte heftig, und der Blutdurst wallte wie ein lebendes, atmendes Ding in mir hoch. Ich wusste, dass meine Augen schwarz geworden waren, weil ich die Welt jetzt anders wahrnahm. Wie ein Raubtier auf der Suche nach der nächsten Mahlzeit. Und dieses Raubtier entdeckte gerade zwei sehr schmackhafte Kandidaten, die es verspeisen konnte.

»Ich brauche Blut, und zwar sofort«, stieß ich hervor, obwohl ich wegen meiner langen Reißzähne kaum sprechen konnte.

Und ich bekam Blut. Vom Fass. So viel, wie ich brauchte, was gut war, denn so ungern ich es auch zugebe, ich brauchte eine Menge.

Nicht gerade eine gute oder sichere Methode, um sich gut zu fühlen, wenn man gerade erst aufgewacht ist ...

Untot und ungefüttert.

Ein Sarg für zwei
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